Wahllokale, die nur über Treppen zu erreichen sind. Drehkreuze, die das Einkaufen erschweren. Parkplätze, die nicht genutzt werden können – behinderte Menschen haben in Cottbus mit einigen Unwägbarkeiten zu kämpfen. Der Behindertenbeirat regt deshalb einen runden Tisch an, um über die Probleme zu sprechen – und wünscht sich den Oberbürgermeister als Chef des Gremiums.
Im Foyer des Technischen Rathauses wird dieser Tage gebaut. Maler spendieren dem großen Raum einen neuen Anstrich. Im Wartesaal soll es künftig mehr Sitzplätze geben. Ein Wegeleitsystem soll blinden und sehbehinderten Menschen die Orientierung im Haus erleichtern. Für den Behindertenbeirat in der Stadt ist das ein positives Beispiel, sagt der Vorsitzende Sven Hoffmann. Davon wünsche er sich aber noch einige mehr.
Bereits im Jahr 2009 hat sich die Stadt per Beschluss der Stadtverordneten dazu verpflichtet, behinderten Menschen in Cottbus die gleichen Chancen einzuräumen wie nichtbehinderten. In diesen Tagen wird eine Zwischenbilanz gezogen. Der Behindertenbeirat ist mit dem Ergebnis noch nicht zufrieden. Es würden die Ist-Zustände und bereits realisierte Projekte aufgezeigt, sagt Hoffmann. „Wir vermissen aber den Ausblick, sprich Aussagen über konkrete Vorhaben und das dafür benötigte Geld“, so der Vorsitzende des Behindertenbeirates. Weil der Beirat nicht nur kritisieren, sondern auch Vorschläge für Lösungen aufzeigen will, regt Hoffmann die Gründung einer Arbeitsgruppe an. „Wir haben den Wunsch, dass der OB dort federführend mitmacht“, so Sven Hoffmann.
Die Stadt alleine reiche dabei nicht aus. „Wir müssen möglichst viele Partner mit ins Boot holen“, so der Vorsitzende des Behindertenbeirates. Ganz wichtig sei die freie Wirtschaft. „Denn viele Sorgen behinderter Menschen betreffen ganz existenzielle Dinge“, sagt Hoffmann. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist ihm noch gut in Erinnerung. So hat eine Familie ihre Probleme beim Einkaufen im Supermarkt geschildert. Um mit Kinderwagen und Rollator überhaupt in den Markt zu kommen, musste das Drehkreuz im Eingangsbereich jedes Mal demontiert werden. Der Markt wiederum lehnte es ab, das Kreuz komplett zu entfernen. Es diene vor allem als Schutz vor Diebstählen, so die Argumentation. „Die Familie, die mit jedem Cent rechnen muss, ist aber auf die preisgünstigen Angebote aus diesem Markt angewiesen“, sagt Sven Hoffmann. Ohne freiwilliges Einlenken des Marktbetreibers sei aber nichts zu machen.
In einem anderen Fall sei hingegen die Stadt der richtige Ansprechpartner. Bisher waren in Cottbus nur rund 43 Prozent der Wahllokale barrierefrei, also von Rollstuhlfahrern oder Menschen mit Rollator ohne fremde Hilfe zu erreichen. Durch die stufenweise Sanierung der Schulen werde sich dieser Anteil weiter erhöhen, heißt es in der Stellungnahme der Verwaltung. Alternativ biete sich die Briefwahl an. Sven Hoffmann vermisst hier einfach mehr Flexibilität. „Manchmal gibt es in Nachbarschaft der Schulen neue Bürgerzentren oder andere Räume, die barrierefrei sind – diese sollten dann auch als Wahllokal genutzt werden“, schlägt der Behindertenbeirat vor.
Ein weiteres Problem: Junge Menschen mit Behinderungen würden noch immer vor allem in Seniorenheimen betreut. Zwischen 130 und 150 Fälle gebe es davon in Cottbus. In den Altersheimen würden sie sich schnell langweilen. Es fehle einfach der Kontakt zu gleichaltrigen Mitbewohnern. „Für diese junge Menschen würden wir uns eine andere betreute Wohnform wünschen“, sagt Hoffmann.
Quelle: lr-online.de